Der Ärztemangel in Thüringen ist Ausdruck eines entseelten Gesundheitswesens

MdL Hartung: Der Ärztemangel in Thüringen ist Ausdruck eines entseelten Gesundheitswesens

Ein Alarmruf ist heute in der Presse vernommen worden. Leitende Krankenhausärzte haben erklärt, dass die Arbeitsfähigkeit in Thüringer Kliniken durch einen bestehenden und sich perspektivisch verstärkenden Ärztemangel bedroht ist. Die Ärzte schlagen zu Recht Alarm, ich muss ihre Befürchtungen aus meiner Erfahrung als Arzt in Thüringen bestätigen.

Die Rezepte, die sie dagegen angeboten haben, werden aber nicht helfen. Weder eine Anwerbung von Ärzten im Ausland noch die Gewinnung zusätzlicher Studenten werden das tiefe strukturelle Problem unseres Gesundheitswesens lösen.

Laut einer Umfrage, zu der die Universität Bochum im Jahr 2008 4000 Medizinstudenten deutschlandweit befragt hatte, denken rund 73 Prozent an eine Tätigkeit im Ausland. 77 Prozent der Teilnehmer erwarten deutliche, vor allem negative Einflüsse des Gesundheitssystems auf die eigene Lebens- und Berufsplanung. 22 Prozent der Befragten wollen sich als Ärzte niederlassen. Ein fast ebenso hoher Anteil schließt dies aus. Dagegen können sich 38 Prozent eine patientenferne Tätigkeit vorstellen.

Diese Zahlen machen deutlich, dass nicht die Zahl der Studierenden entscheidend ist, sondern die Perspektive, die sich jedem einzelnen bietet. Und es wird klar, dass Mediziner eine sehr flexible Berufsgruppe sind. Flexibel in ihrer späteren Tätigkeit, flexibel aber auch in der Wahl ihres Tätigkeitsortes.

Wollen wir den Ärztemangel lösen, müssen wir erkennen, dass Deutschland in einem globalisierten Arbeitsmarkt für Ärzte in den letzten Jahren zunehmend ins Hintertreffen gerät. Kaum ein Medizinstudent weiß nicht, wie Ärzte in Europa oder weltweit arbeiten.

Wer naiv genug ist, sich falschen Vorstellungen über seine künftige Tätigkeit im deutschen Gesundheitswesen zu machen, der wird im „praktischen Jahr“, dem letzten Teil seiner universitären Ausbildung, schmerzhaft auf den Boden der deutschen Realität geholt.

Wenn Herr Professor Fünfstück zu Recht beklagt, dass 40 Prozent der Arbeitszeit des Klinikarztes für Bürokratie verwandt wird, so ist das nur die Oberfläche. Dahinter steckt nicht irgendetwas Abstraktes. Der bürokratische Aufwand ist Ausdruck des kommerziellen Drucks, den die Klinkleitungen ungefiltert an den Leistungserbringer Arzt weitergeben. Die reale Basis des ausgefüllten Papiers ist die Beurteilung des kranken Menschen nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Und wenn dem Klinikarzt in Fleisch und Blut übergegangen ist, den individuelle Krankheitszustand eines Menschen gegen die wirtschaftlichen Aspekte, in entsprechende Begriffe wie „mittlere Verweildauer“, „Fallpauschale“ und „fallpauschalenrelevante Nebenerkrankungen“ gekleidet, abzuwägen, so wirkt genau dies auf jeden Beobachter außerhalb des Systems abschreckend. Wer Medizinstudenten nach ihrem Eindruck fragt, bekommt das bestätigt. Und er bekommt bestätigt, dass die Niederlassung nicht als Besserung empfunden wird.

Durch die Kommerzialisierung der Arzt-Patienten-Beziehung wird der Arztberuf zunehmend seiner Seele beraubt. Aus dem einstmals anerkannten Arzt wird ein normaler Dienstleister, der jedoch durch die spezielle Situation des Kranken niemals einfach nur Dienstleister sein darf. Drastisch ausgedrückt: Empathie ist nicht abrechnungsfähig.

Dieses Grundproblem muss gelöst werden, wollen wir dauerhaft dem Arztberuf seine frühere Attraktivität wiedergeben. Dies müssen die leitenden Krankenhausärzte, aber auch jeder Bürger, von der Politik fordern. Andere Probleme in den Krankenhäusern sind dagegen hausgemacht. Niemand hindert die leitenden Ärzte, das Arbeitszeitgesetz einzuhalten. Niemand kann die Chefärzte zwingen, Mitarbeiter immer wieder in Jahres- oder Zweijahresverträge zu drängen. Und natürlich sind sowohl die streng hierarchischen Strukturen in vielen Kliniken ebenso überdenkenswert wie die Vergütung der Assistenten.

Ich empfehle den Chefärzten ausdrücklich, nicht nur in andere Länder zu reisen, um dort Ärzte zu werben. Sie sollten die Gelegenheit nutzen, sich in den Zielländern der Abwanderung die Krankenhäuser anzuschauen und die so gewonnenen Erkenntnisse eigenverantwortlich in ihren Häusern umzusetzen.

Dr. Thomas Hartung
Weimarer Abgeordneter des Thüringer Landtags

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